Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt  20.06.2018, 18:25   # 137
Yannik
Rastafari
 
Benutzerbild von Yannik
 
Mitglied seit 22. November 2012

Beiträge: 986


Yannik ist offline
Mahlzeit miteinander,

wie meist, wenn es um Fussball geht, wurde bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem, deshalb auch nun von mir ein kleiner Kommentar zur Fussball-Weltmeisterschaft im allgemeinen und dem Auftritt und den Chancen der Deutschen Mannschaft im Besonderen.


Rückblick

Ja, da sassen sie einigermassen bedröppelt da, die Couchsportler, die Fans, die annähernd 80 Mio. Amateur-Bundestrainer, die, die es schon immer besser wussten, und ich. Und keiner wusste so recht, was da gerade eben passiert war, so kurz nach dem Abpfiff dieses, nun ja, Spiels für die Geschichtsbücher, zumindest für die der Mexikaner. Unsere hochgeschätzte Mannschaft, der Weltmeister, der Garant für Siege, zerlegt von aufopferungsvoll kämpfenden, in höchstem Tempo konternden und von Minute zu Minute selbstbewusster spielenden Mexikanern. "Die Mannschaft" #zsmmn-geknüppelt von 11 Speedy-Gonzales, die, gar nicht mäuschenhaft, den, man muss es so sagen, total überforderden Weltmeister in seine Einzelteile zerlegt haben. Passend zur Stimmung im Land.

Dass die deutsche Mannschaft in der ersten Hälfte keinen Fuss auf den Boden gebracht hat konnte jeder sehen. Dass sie sich in der zweiten Hälfte zumindest Chancen erarbeitet haben, geschenkt, für jede erarbeitete Chance kamen gefühlt zwei Konter auf's deutsche Tor. Das war, aus deutscher Sicht, ein rabenschwarzer Tag, ein denkbar schlechter Start für die Mission Titelverteidigung (darf man das Wort denn eigentlich noch in den Mund nehmen ohne selbst in schallendes Gelächter auszubrechen?). Ein denkbar schlechter Tag für den Deutschen Fussball. Und das, obwohl dem Bundestrainer, da waren sich vor der WM die meisten Experten einig, die beste Nationalmannschaft ever, ever zur Verfügung stand.

Gut, Manuel Neuer steht wieder zwischen den Pfosten, Oliver Bierhoff gibt sogar zu Protokoll, dass es so sei, als ob er nie weg gewesen wäre. Er hat auch solide gehalten, aber von der Ausstrahung, dem Selbstbewusstsein, der Aussenwirkung und nicht zuletzt dem Glamour vergangener Tage ist momentan nicht viel zu sehen. Wie denn auch, nach fast einjähriger Fussballabstinenz. Aber das ist sicher eins der kleineren Probleme, die sich im letzten Spiel auftaten.

Toni Kroos ist da schon ein etwas grösseres Problem. Anscheinend sind ihm die Lobeshymnen, die Titel und sein anerkannter Weltklasse-Status ein wenig zu Kopf gestiegen. Es ist nämlich mitnichten so, dass er als Führungskraft, was er ja immer wieder für sich reklamiert, sich nicht mehr am gemeinsamen Verteidigen zu beteiligen braucht, im Gegenteil, es hat sich gezeigt, dass er mit der eingeforderten Führungsrolle im DFB-Team ein grosses Stück weit überfordert war. Bezeichned dafür sein lockerer Trab zurück zum Strafraum beim zum Gegentor führenden Konter. Die TV-Bilder haben gezeigt, dass er den Schuss des Mexikaners problemlos hätte blocken können, wenn, ja wenn er denn auch mit voller Geschwindigkeit zurück gesprintet wäre, gerade dann, wenn Kimmich als Rechtsverteidiger ganz offensichtlich den Auftrag hat, als verkappter Flügelstürmer zu agieren. Auch Khedira war sicher nicht auf der Höhe, die frühe Auswechslung hat das ja dann auch gezeigt, nix Stabilisator, eher Gefahrenherd in den eigenen Reihen, gerade beim Ballverlust der zum Tor führte. Aber auch hier, wo war die Absicherung durch Kroos, seinen Partner im zentralen Mittelfeld? Aber seis drum, wenigstens kam der Junge mal wieder an die frische Luft.

Timo Werner, mit Verlaub, der ein oder andere sah schon seinen Aufstieg in die Weltklasse innerhalb dieses Turnieres voraus. Weit gefehlt. Ein kaltschnäutziger Torjäger braucht halt eben keine 7 Chancen, bis der Ball mal drin ist, der macht halt dann in der fünften Minute bei seiner ersten Chance das Ding einfach rein, und das Spiel läuft in ganz anderen Bahnen.

Als ich den Namen Plattenhart in der Aufstellung gelesen habe, da hatte ich schon ein ziemlich mulmiges Gefühl, wohl wissend aus der vergangenen Bundesligasaison, dass Platte eher ein offensiv ausgerichteter Aussenverteidiger ist, zwar mit Schwächen im Kombinationsspiel und auch in der Defensive, aber mit einem exzellenten linken Fuss zum Flanken gesegnet. Sowas steht allerdings schon auf der anderen Seite, wo es auch deutlich mehr Sinn macht mit Kimmich als verkapptem Aussenstürmer, Müller dadurch den Raum für seine Raumdeutungen auf der rechten Halbposition gebend. Hab ich also zwei hochstehende Aussenverteidiger, dann muss mein zentrales Mittelfeld deutlich mehr nach hinten arbeiten als im Normalfall, nur zu sehen war davon eher wenig bis gar nichts, ganz offensichtlich deshalb, weil sich die zwei oben bereits erwähnten Zentralen dafür an diesem historischen Tag zu schade waren. Süle auf links wäre die einfachere Lösung gewesen, da kommt zwar nach vorne nicht allzu viel, jedoch hätten wir dadurch wesentlich mehr Stabilität und Balance im Spiel gehabt. Löw wählte die mutigere Variante, zu mutig, wie sich noch herausstellen sollte.

Das war es, was Hummels kurz nach Spielende im Interview ansprach, absolut verständlich und nachvollziehbar, trotz seines ungestümen Angehens des ballführenden Mexikaners vor dem Gegentor. Aber auch das ist nachvollziehbar, wenn Dir in der Verteidigung die Bälle nur noch um die Ohren fliegen und die Gegner mit Dir Katz und Maus spielen, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem Du nicht mehr souverän agierst sondern Dich anstecken lässt von der allgemeinen Unruhe auf dem Platz. Und dann passieren auch mal Fehler, allerdings waren die entweder durch Taktik des Trainers oder durch Einstellung der Mitspieler hausgemacht.

Der nächste bitte, und da sind wir auch schon bei Özil. Machen wir uns doch nichts vor, es war doch völlig klar, dass ihn der Bundestrainer aufstellen würde, solange er zumindest geradeaus laufen könnte. Und das natürlich zu Recht. Allen Unkenrufen über Phlegma, Erdogan, Körpersprache und so weiter zum Trotz, Özil spielte die meisten Pässe aller Akteure auf dem Platz mit der besten Passquote (über 92%) aller Spieler. Zugegeben, in die Spitze spielte er eher wenig, dort taten sich aber nach dem Gegentor auch keinerlei Räume mehr auf, weil Mexiko das auch einfach mal grossartig machte, so viel Anerkennung muss sein, und Özils Nebenleute eben nicht. Dass Özil der grosse Leader einer Mannschaft wird, darauf können wir ewig warten, da müssen andere in die Bresche springen, aber ein Özil in einer funktionierenden Mannschaft macht den Unterschied. Also kann man davon ausgehen, dass Löw Özil der Meute nicht als Bauernopfer zum Frass vorwerfen wird, sondern dass wir ihn auch im Spiel gegen Schweden wieder sehen werden, und zwar von Beginn an.

Von Beginn an werden wir auch Reus zu Gesicht bekommen, ich denke dafür muss man kein Hellseher sein. Er hat ordentlich Betrieb gemacht als er reinkam und wurde auch schnell von seinen Mitspielern gesucht mit seiner Dynamik, seiner Technik und seiner Torgefahr, der einzige Lichtblick im Spiel der Deutschen Mannschaft vergangenen Sonntag. Aber jetzt alle Hoffnung in Reus zu setzen und ihm die komplette Last des deutschen Spiels auf seine schmalen Schultern zu packen, das wird nicht die Lösung unserer Probleme sein.


Ausblick

Ich denke, das muss man auch nicht. Und eine neue Mannschaft auf den Platz stellen, das muss man ebenfalls nicht. Wenn man nun die Wasserstandsmeldungen aus dem deutschen Quartier so sieht, dann hat innerhalb der Mannschaft ein Denkprozess und ein reinigendes Gewitter eingesetzt, wenn man Kapitän Neuers Worten Glauben schenken mag, war die Kommunikation unter den Spielern noch nie so gut wie momentan (man fragt sich als aussenstehender dann schon auch, wie da vorher miteinander gesprochen wurde). Alles Zeichen dafür, dass die Spieler verstanden haben, jedoch keine Garantie dafür, dass sie es dann auch entprechend umsetzen können.

Unser kommender Gegner, die Schweden, sind alles andere als unschlagbar, in der Fifa Weltrangliste geführt auf Platz 24 und nicht innerhalb der Top 15 wie die Mexikaner, eine sehr biedere Mannschaft mit grossen Schwächen im Offensivspiel, aber bestens organsiert, defensiv sehr stark und sehr körperlich, also das krasse Gegenteil zu den Mexikanern. Schweden gilt nicht als konterstarke Mannschaft, was für uns ja nicht das allerschlechteste zu sein scheint. Jedoch sind sie schwer zu spielen, zwei engmaschige, kompakt stehende Viererketten, taktische Disziplin sowie die sattelfeste Abwehr können das kommende Match zu einem Geduldspiel werden lassen. Sollte die deutsche Nationalmannschaft ihre Lehrstunde aus Mexiko verstanden haben und sollten sie sich endlich bewusst werden, dass der Weltmeistertitel eher Bürde als Ansporn zu neuen Taten ist und sich endlich ins Turnier kämpfen, dann sollten sie diesen Gegner schlagen können, und das souverän.

Sollte die Mannschaft allerdings wieder nur in Einzelteilen auf dem Platz stehen, sollten sie nicht an einem Strang ziehen und sich bedingungslos für den eigenen Mitspieler aufopfern (ich sag nur Mertesacker und die Eistonne), dann kann das Turnier auch schon am Samstag vorbei sein, das dritte Spiel nur noch ein Schaulaufen der Schmach.

Der Druck auf die Spieler ist sicher nicht mehr zu steigern, das kann sich keiner von uns jemals vorstellen, eine absolute Grenzerfahrung für jeden Spieler. Das ganze Land, die ganze Fussballwelt schaut auf das Spiel das gewonnen werden MUSS! Also kein Halbfinale oder Finale, das man gerne gewinnen würde, nein, die Alternative zum Gewinnen hier heisst nicht "toll gekämpft, hat halt nicht gereicht", sondern "Ihr seid Teil der schlechtesten Nationalmannschaft ever. Ever." Daraus kann eine Mannschaft, eine trotzige Einheit entstehen, da kann sich Flow entwickeln, ich würde mir das wünschen, das kann aber auch genausogut in die Hose gehen, die Jungs dem Druck nicht Herr werden und ein epochales Scheitern zur Folge haben. Manchmal bin ich froh, dass ich kein Fussballer bin.....


Tip

Ich bin mal so frei und denke, sie haben es verstanden, schaffen einen Neustart ins Turnier und gewinnen souverän mit 3 zu 0, ausserdem denke ich, dass Khedira und Özil trotz populistischem Bauernopfer-Geschrei von Anfang an spielen, dazu aber auch Reus für Draxler, Gomez für Werner und natürlich Hector für Plattenhart, eventuell aber auch Süle, der defensiven Stabilität wegen.

Und kommende Woche dürfen wir uns dann auch endlich freuen, dass die Deutschen im Turnier angekommen sind, oder dass wir uns ein neues Team zur Unterstützung raussuchen, die Belgier zum Beispiel, die haben zumindest schon mal eine ähnliche Flagge wie wir mit den gleichen Farben, und ausserdem haben die ungefähr so gespielt, wie ich es mir von den Deutschen gewünscht hätte.
Antwort erstellen         
Danke von