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Alt  28.02.2018, 23:23   # 81
kuching
Immer auf der Jagd
 
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Godless – Netflix

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Vorbemerkung

Als Junge und als Jugendlicher war das Genre des Westerns und auch die Geschichten um die tapferen Indianer sowie die manchmal heldenhaften und manchmal gottlosen Weißen der Lieblingsstoff. Die Karl May Bücher, der Lederstrumpf, die vielen anderen Bücher über tapfere Indianerstämme und deren Häuptlinge, die Besiedelung des Westens, der Oregon-Trail, der Goldrausch, die Abenteurer… mit nichts weniger bin ich eingeschlafen, nicht selten noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke lesend…

Später dann die Winnetou-Geschichten im Kino, im TV und die braven Serien wie „Bonanza“, „High Chapparal“ und natürlich auch „Rauchende Colts“ oder die „Leute von der Shiloh Ranch“. Diesem Seriengemisch schnell entwachsen, kamen dann die unzähligen, klassischen Western, die ich kaum aufzählen kann. Die besten davon waren oft mit John Wayne. Unvergessen dabei „Stagecoach“, „Die 4 Söhne der Katie Elder“, „Der Mann der Liberty Wallance erschoß“, „Schwarzer Falke“. Daneben und danach viele andere epische Western wie „Winchester 73“, „High Noon“, die Clint Eastwood-Western und ganz spät „Erbarmungslos“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Wild Bunch“ und viele, viele andere.

Danach schien das Genre tot. „Der mit dem Wolf tanzt“, „Yuma“ und später Tarantino sorgten zumindest dafür, dass das Genre nicht völlig vergessen wurde. Serien, wie „Westworld“ und „The Son“ nahmen das wieder auf…und nun erneut Scott Frank (Regie und Drehbuch) und Steven Soderbergh (ausführender Produzent).

Die Struktur eines Westerns ist denkbar einfach und klar. Es gibt Böse, die den Guten Böses tun, bis andere Gute den Böses wieder Böses tun. Rache, Verrat, Treue, Hingabe bis in den Tod, wenig Worte und wenn dann nichts mehr hilft, dann die Kugel aus der 45ger auf der staubigen Straße in irgendeinem Kaff im Wilden Westen. Eigentlich eine einfach strukturierte Welt, sauber und klar, kein Umherirren, man tut was man tun muss.

Klar, dass der Western irgendwann in dieser komplizierten Welt mit seinen einfachen Erklärungen nicht mehr funktionieren kann……oder aber – wenn man der Gewaltorgien der Western von Tarantino etwas überdrüssig ist – dann macht man es so wie Frank und Soderbergh und schafft einfach ein kleines Meisterwerk, eine moderne Reminisenz!

Soderbergh hat sich nicht nur einmal beklagt, dass Hollywood für kleinere, feinere Stoffe im mittleren Budget von 40 – 60 Mio $ kein Geld mehr lockermachen will. Die ADHS gestörten Kids kommen da nicht mehr mit, wenn es nicht alle 30 Sekunden knallt…

Zur Serie

Es ist eine abgeschlossene Miniserie von 7 Folgen mit einer Laufzeit von insgesamt ca. 7 Stunden. Die Farben in den Rückblenden sind grau bis ganz dunkelbraun, ansonsten auch hier wenig gesättigt. Dafür aber gibt es Kamerafahrten, die es im Kino kaum besser geben könnte. Einzelne Sequenzen sind von verstörender Schönheit so z.B wenn 30 Männer, in Superzeitlupe im Gegenlicht gefilmt, durch den Fluss reiten und man meint, man könne jeden einzelnen der abertausenden Wassertropfen sehen. Naturlandschaften wechseln sich ab mit kargen, staubigen und dürren Stadtszenen, aber immer bis ins kleinste Detail stimmig. Revolverduell in der blühenden Wiese? Kein Thema…

Das Schöne an der Serienkultur ist die Zeit. Nichts muss auf die 120 Minuten getrimmt werden. Man hat Zeit für lange Kamerafahrten, man hat Zeit für eine sehr lange Sequenz, in der fast wunderbar zurückhaltend gezeigt wird, wie ein „Pferdeflüsterer“ Wildpferde zähmt und sie schlussendlich dazu bringt sich hinzulegen.

Aber, keine Sorge, es wird noch genug getötet, geschossen, vergewaltigt und die alten Beweggründe wie Liebe, Rache, Gier und die Suche nach Gerechtigkeit werden gewiss nicht ausgespart und klar, es gibt, es muss ein, den Showdown und doch verliert sich die Serie nicht darin.

Es ist trotz allem ein „moderner“ Western geworden. Drei Erzählstränge bilden das Gerüst.

Frank Griffin, von Jeff Daniels alles überragend gespielt, und seine Bande gottloser Gesellen sinnt auf Rache. Sein Ziehsohn Roy Goode (Jack O`Connel) hat sich mit der Beute aus einem Überfall aus dem Staub gemacht und nun will er jeden, der seinem Ziehsohn Unterschlupf gewährt an den Kragen. Roy findet Unterschlupf bei der weit außerhalb der Stadt wohnenden Rancherin Alice Fletcher (Michelle Dockery), die ihn in der Nacht angeschossen hat und wohl getötet hätte, wenn „der verdammte Mond nicht so hochgestanden hätte“.

Die nächste Stadt bei von Flechters Ranch heißt „La Belle“ und ist fast nur von Frauen bevölkert, die alle ihre Männer bei einem großen Grubenunglück verloren haben. Bürgermeisterin Mary Agnes (Merritt Wever) und Ihr Bruder, der Sheriff, sie sind die Stadtspitze. Bill McNue (Scott McNairy), der Sheriff, der immer mehr erblindet, macht sich auf die Suche nach Frank Griffin und seiner Bande die in Creede, einem anderen Ort, ein Massaker angerichtet haben. Zurück in La Belle bleibt als Hüter des Gesetzes nur der junge, unerfahrene Deputy Whitey Winn (ebenfalls überragend gespielt von Thomas Brodie-Sangster). Und dort wird alles zusammen laufen…

Es ist kein feministischer Western geworden, obwohl die Damen in La Belle noch ihren ganz großen Auftritt haben werden, aber eine starke Rolle spielen sie fast alle – entgegen der sonst klassischen Frauenrolle im Western. Damit nicht genug: neben zarter lesbischer Liebe gibt es auch einen kleine „Hommage“ an eine vergessene Personengruppe, die „Buffalo Soldiers“, jene afro-amerikanischen Soldaten der Nord-Staaten im Sezessionskrieg, denen Bob Marley mit dem Song „Buffalo Soldier“ ein Denkmal gesetzt hat.

Auf den Punkt gebrachte, von allem überflüssigen Geschwurbel befreite Dialoge, klassisch pointiert wie…

"So eine hübsche Lehrerin habe ich noch nie getroffen. Hatten Sie schon immer den Wunsch, Kinder zu unterrichten?"
"Nein, Sir. Ich war früher eine Hure."

oder

„Derselbe Gott, der dich und mich gemacht hat, hat auch die Klapperschlange gemacht. Das macht keinen Sinn.“

…bieten bösen Witz und einfache, aber keineswegs dümmliche Einsichten.

Alle Erzählstränge finden zueinander, nicht alles ist völlig ausgegoren und nicht alles findet sich, aber….

Es ist ein moderner Western geworden mit allen klassisch guten Ingredienzien, viel Zeit der Entwicklung und dem Hintergrund der Figuren gebend, episch erzählt mit großartiger Kamera.

Nur wer mit Western noch nie und überhaupt was anfangen konnte, sollte es sich überlegen, alles anderen müssen das sehen!

Bei Netflix gibt es übrigens einen kostenlosen Probemonat, nur so…


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