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Alt  02.01.2017, 21:24   # 61
kuching
Immer auf der Jagd
 
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kuching ist offline
Atlanta

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Donald Glover (Idee und Hauptrolle) spielt Earnest „Earn“ Marks, den ehemaligen und abgebrochenen Princeton-Studenten, der bei seiner ehemaligen Freundin Van (Zazie Beetz) Unterschlupf findet. Beide haben eine gemeinsame Tochter. Alfred „Paperboi“ Miles (Brian Tyree Henry), sein Cousin, ist ein nach Ruhm strebender Rapper, der allerdings das Gemüt eines Teddybären hat und lieber kiffend auf der Couch liegt und nachdem sich das mit dem Ruhm und der Kohle eben nicht so leicht bewerkstelligen lässt, vertickt er halt Drogen.

„Earn“ will eigentlich nur Van ab und zu zum Essen einladen, ein zumindest halbwegs ordentlicher Vater sein (wenn er sich nicht gerade selbst wieder im Weg steht) und „Paperboi“ managen. Der Weg dorthin ist steinig und wird begleitet von Abzockereien, Verhaftungen und allerlei anderer Schmach und das obwohl „Paperboi“ nun einen kleinen Hit gelandet hat. Aber Geld, das fließt erst einmal nicht.

In 10 kurzen Folgen ist ein kleines Meisterwerk gelungen, lakonisch, mit teilweise bitterbösem Humor, lässig, traurig und alles das zugleich. In 10 x 25 Minuten wird die Welt vieler Schwarzer gezeigt, ohne Zeigefinger zu erheben, ohne Anklage, einfach nur ein, nein viele Bilder aus der Welt jenes Hood in Atlanta ganz ohne Spike Lee Ghetto-Ästhetik.

Ob es nun der verzweifelte Versuch ist, ohne Kind ein Kindermenü bei McDonalds zu bestellen oder sein Handy nicht gegen Geld im Pfandhaus zu verticken, sondern in einer schwierigen Kettentauschaktion zu versuchen noch mehr herauszuschlagen um dann doch wieder nichts zu haben oder der Typ, der seine Ethnizität zu wechseln versucht, weil er sich schon immer als „Weißer“ fühlte und nun mit blond gefärbten Haaren im TV auftritt oder die Freundin von Van, die es „geschafft“ hat in die Welt der Reichen, aber nur nicht so gern nach London fliegt, weil dort die teuer und mühsam geglätteten Haare durch die Feuchtigkeit und Regen wieder kraus werden könnten oder Earn, der bei einer Verhaftung noch nicht „im System“ ist und im Gefangenraum ausharren muss und sich aufgrund der „Show“ eines Geisteskranken eine lustige, lockere Atmosphäre entwickelt, bis es auf einmal und nicht unbegründet zu einem Gewaltexzess durch die Wärter kommt, nach dessen Ende sich wieder die lakonisch, lässigen Gespräche entwickeln…Alltag also und kein Jammern…machen wir einfach weiter…

Die ganze Serie ist voll von solch kleinen „Nadelstichen“, teils völlig skurril, teils sehr amüsant, teils bitterböse. Es ist kein großes Tempo in der Serie, eher langsam und bedächtig wird das Brennglas auf die Szenen gerichtet, es ist alles irgendwie Alltag und fast alles kommt einem so alltäglich vor, so als könnte, ja als müsste es genauso sein. Es ist sehr schwierig für mich als deutschen und weißen Zuseher alles das zu entschlüsseln, was da an Codes und Anspielungen über den Bildschirm läuft.

Aber eins hat es sicher vollbracht: die Typen, die wachsen einem ans Herz. Man kann gar nicht anders als sie mit ihren ganzen Schwächen und Misserfolgen zu lieben und sich mit ihren wenigen kleinen Erfolgen zu freuen.

Donald Glover als Hauptdarsteller und die Serie selbst sind für die Grammys nominiert. Sie werden wahrscheinlich nichts gewinnen, aber die Nominierung ist schon eine große Ehre. Mit ganz einfachen und unspektakulären Mitteln und fast spartanisch haben sie gezeigt, wie großartig Fernsehen (manchmal) sein kann.

Lief vor kurzem nochmal auf FOX Channel und wird sicher irgendwann erneut wiederholt.



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